Wenn das Leben an einem vorbei zieht. Gefangen im eigenen Kopf.

2016 teilten 14.000 deutsche Frauen sowie Männer das Schicksal sexuellen Missbrauchs in der Kindheit. Zahlen von der Realität weit entfernt. Die Dunkelziffer liegt schätzungsweise bei einer Million Betroffenen. Es ist der Onkel, die Tante, der Vater, LehrerIn, NachbarIn oder es ist der Stiefvater. Es passiert im Schatten des Alltags, wo es gänzlich unbemerkt bleibt. In Deutschland ca. 40 mal am Tag. Jedes 8 Kind ist betroffen. Und obwohl dieses schmerzhafte Thema seit dem Missbrauchsskandal  in kirchlichen Schulen und Internaten erstmals vor sieben Jahren gesellschaftlich und politisch in den Medien erläutert wurde, findet eine Sensibilisierung eher schleppend statt. Es bleibt Tabuthema.

Noch viele Jahre nachdem der eigentliche Missbrauch stattgefunden hat, verstecken sich die Betroffenen. Um keinen Preis auffallen. Schuldig fühlt man sich. Man sucht ständig nach Erklärungen. Man versucht zu verstehen. Normale Alltagsabhandlungen sind sehr schwierig oder gar nicht zu meistern. Jahrelang fühlte ich mich wertlos und schmutzig. Versuchte zu verdrängen und zu vergessen. Heute mit  fast 30 weiß ich, dass ich meinem Stiefvater gnadenlos ausgesetzt war, dass ich keine Schuld an seinen Handlungen trage. Diese Erkenntnis hat sich jedoch nur langsam in meinem Körper und meinem Bewusstsein ausgebreitet. Und ich bin nicht allein. Das weiß ich heute. Oberste Priorität war immer anderen zu zeigen, dass es mir gut geht. Ich wollte kein Mitleid und ich wollte mich nicht erklären. Und ich wollte nicht den Stempel von der Gesellschaft auferlegt bekommen, ich sei schwach und labil. Ich sei Opfer sexueller Gewalt. Ich war Opfer sexueller Gewalt als ich ein kleines Mädchen war, heute bin ich Betroffene, aber kein Opfer. Es gibt Tage an denen meine Emotionen mich überwältigen. Es gibt aber auch die sonnigen, schönen Tage, die meinen Alltag dominieren.

Warum ich nun diesen Impuls verspüre meine Geschichte mit euch zu teilen, mein Schweigen und meine Sprachlosigkeit zu brechen, ist relativ simpel. Vor acht Monaten rief ich im Selbsthilfecenter an, um mich einer Frauengruppe anzuschließen. Es gab keine. Ich war verwundert und versuchte mir zu erklären warum. Die Zahl der Betroffenen doch so hoch. Ich war nicht die einzige die warten musste. Ganze 2 Jahre wartete ein junges Mädchen um auf diesem Weg Hilfe zu finden. Ich war fassungslos. Das kann einfach nicht sein.

Wir waren einst Schattenkinder, aber wir brauchen uns nicht mehr in der Dunkelheit verstecken.

Wie schon so oft in meinem Leben breitete sich in mir eine gewisse Unruhe aus. Ich habe schon vor einigen Jahren angefangen meine Geschichte auf Papier zu bringen. Ich wollte meine Sprachlosigkeit überwinden und ich spielte mit dem Gedanken, meinen Weg, wenn ich irgendwann mal stark genug bin, (ja die gute alte Hoffnung ließ mich ausnahmsweise mal nicht im Stich) zu teilen. Ich wollte helfen.

Seit ich die Kontrolle über meinen Körper und auch mein Leben zurück gewonnen hatte, steckte ich all meine Kraft in die Schule, dann ins Studium und später in meine Arbeit. Ich musste mich von dem unerträglichen Schmerz und der großen Leere in meinem Körper ablenken. Und darin war ich gut. Das funktionierte meistens 10 Monate bis ich keine Kraft mehr besaß und ich wieder einen Einbruch hatte der mich lähmte.

Seit Mitte Januar 2017 war ich acht Wochen nicht mehr in der Arbeit. Anfangs habe ich noch versucht den Alltag so gut es geht zu bewältigen. Ich ging wie gewohnt jeden Tag hin. Erledigte nur das nötigste, denn mehr Kraft besaß ich in diesen Tagen nicht. Der Anspruch an mich selbst war groß und ich hasste mich dafür, dass ich ihm nicht nachkommen konnte. Ich bewegte mich in einer Negativspirale und bemerkte meine emotionale Ohnmacht erst, als mir eines Tages am Schreibtisch sitzend der Kugelschreiber aus der Hand viel. Mein leerer Blick den Computerbildschirm fixierte und ich mich nicht mehr erinnerte, was ich die letzten 30-45 Minuten gemacht habe. Diese Dissoziationen passierten immer häufiger. Minuten verstrichen während ich erschlafft und leblos den Computer anstarrte oder aus dem Fenster schaute. Meetings wohnte ich bei ohne die Worte meiner Kollegen aufzunehmen. Das Leben zog unbemerkt an mir vorbei. Ich war gefangen im eigenen Kopf. Und dann kam der nächste Einbruch.

Ich war wie gelähmt. Ich habe nur noch geweint. Ich habe versucht, die negativen Gedanken zu unterdrücken. Die Erinnerungen schienen von Tag zu Tag größer. Bedrohlicher. Intensiver. Sie wurden real. Ich konnte nicht mehr atmen. Und so kam der Moment als ich eines Tages vor etwas mehr als 4 Monaten schluchzend auf der Bettkante in meinem Schlafzimmer saß. Die Tiefe leere in meinem Inneren wurde unerträglich. Und ich wusste, dass ich meine Albtraumsgestalten aus der Kindheit alleine nicht besiegen konnte. Ich brauchte Hilfe. Auf meinem Nachttisch lag mein Handy. Ich griff danach. Wählte die Nummer meiner Krankenkasse. Ich hing in der Warteschleife. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Was sollte ich sagen? Ich wusste aus der Vergangenheit von meiner Sprachlosigkeit zu diesem traurigen Thema. Unter Tränen brachte ich bruchstückhaft Worte hervor, die meine Situation erklärten. Am anderen Ende der Leitung prasselten die mitfühlenden Worte einer Dame auf mich ein. Sie versuchte auf mich einzureden, versuchte mich zu überzeugen in eine psychiatrische Klinik zu gehen. Es gelang ihr nicht zu mir durchzudringen. Wir beendeten das Telefonat. Ich muss die Dame ziemlich erschreckt haben, denn eine halbe Stunde nach Beendigung des Telefonats klingelte mein Handy. Ich hörte ihre Stimme und ihre Besorgnis. Ich weiß auch nicht. Ich fühlte auf einmal so viel Dankbarkeit, dass eine mir fremde Person so viel Nächstenliebe aufbrachte. Noch am selben Tag rief ich in der ambulanten Klinik an und vereinbarte ein Erstgespräch zur Patientenaufnahme für eine Traumatherapie. Ein Kompromiss den ich für mich schließen konnte, wenn ich schon nicht stationär gehen wollte.

Die Augenblicke in denen es mir so mies ging, dass ich meine glückliche Fassade nicht mehr aufrechterhalten konnte und meine Maske fiel waren erschreckend. Für mich selbst und wohl auch für die Ärzte mit denen ich in Kontakt kam. An die Standardfrage über Suizidgedanken hatte ich mich längst gewöhnt. Für mich war das nie eine Option. Trotz all der Schwierigkeiten in meiner Kindheit und frühen Jugend kam dieser Ausweg für mich nie in Frage, um mich von meinen Albtraumsgestalten zu befreien. Ab dem Tag an dem ich die Kontrolle über mein Leben gewann, ich meine eigenen Entscheidungen treffen konnte, kämpfte ich für ein Leben in der Unabhängigkeit. In der Freiheit. Ich wurde Meisterin im Weglaufen. Das kann ich mittlerweile bestätigen, und das können meine engsten Mitmenschen bestätigen. Ich war auch Weltmeisterin darin, meine Maske stets in Gegenwart von anderen zu tragen. Ich perfektionierte es meine negativen Emotionen und den großen Schmerz tief im Inneren meiner kleinen, zersprungenen Seele zu verschließen. Niemand merkte etwas. Davon war ich sehr lange überzeugt. Ich war ziemlich naiv. Auch das weiß ich heute. Nachdem ich meine ersten Fluchten ins Ausland gestartet hatte und ich für einen Zwischenstopp zurück in der Heimat war, wurde ich zu einer Intervention bei meiner besten Freundin eingeladen. Davon berichte ich aber ein anderes Mal, das würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen.

Seit drei Wochen arbeite ich wieder. Heute geht es mir gut. Oder zumindest besser. Den schwersten Part des letzten Einbruchs habe ich überwunden. Ich habe mich dazu entschlossen zu kämpfen. Und das tat ich. In jeder Sitzung der Traumatherapie stellte ich mich den Albtraumsgestalten meiner Kindheit. Der Weg war steinig und lang und auch wenn die Traumatherapie noch nicht beendet ist, bin ich nicht mehr am Anfang meiner Reise. Um weiter an meiner Sprachlosigkeit zu arbeiten, werde ich euch an meiner Reise zu mir selbst teilhaben lassen. Den die eigene Akzeptanz von dem was mir als kleines Kind widerfahren ist, ist, zumindest in dieser Phase meines Lebens, die größte Hürde, die ich zu bewältigen habe. Ich möchte aber auch auf ein Thema aufmerksam machen, dass bisher nur wenig thematisiert wird und meist wird auch nur der Täter beleuchtet. Ich möchte mehr Frauen dazu bewegen, ihr Schicksal anzunehmen und zu kämpfen. Ich möchte dazu inspirieren, dass wir uns nicht verstecken müssen, dass wir nicht schlechter oder weniger wert sind und das es ok ist, dass wir gute und schlechte Tage haben.

Meine Stimme im Netz ist klein, aber ich möchte sie nach außen tragen und ich möchte, dass betroffene und Leidensgefährten wissen, dass sie nicht allein sind. Das wir stark sind und fester Bestandteil dieser Gesellschaft. Das es ok ist sich Hilfe zu suchen, wenn das Leben aussichtslos erscheint. Dein Leben ist wichtig. Du bist wichtig und mit dir ist die Welt ein schönerer Ort.

Ich werde diesen Blog nutzen, um von meiner Vergangenheit und Gegenwart zu erzählen, aber auch um euch an meinen Zielen für die Zukunft teilhaben zu lassen. Ich werde Schritte meiner Therapie mit einbauen und ich werde von den Treffen mit meiner Frauengruppe erzählen.

Love ,
Cate

3 thoughts on “Wenn das Leben an einem vorbei zieht. Gefangen im eigenen Kopf.

    1. Liebste Rosa, Danke für deine lieben Worte, aber auch für deine Ratschläge, dein offenes Ohr und deine Fürsorge. Danke, dass du immer da bist! Tausend Küsse

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