Wie die Reise begann – Eine ferne Erinnerung meiner Vergangenheit

Ich bin auf dem Heimweg. Vor nur wenigen Minuten saß ich noch in dem Zimmer meiner Therapeutin. Die Sonne scheint und die Menschen tragen nach den regnerischen Tagen zuvor endlich wieder ein Lächeln auf dem Gesicht. Freuen sich über die extra Dosis Vitamin D. Im Grunde ein schöner Tag. Wenn heute nicht der Tag wäre, an dem ich mich den Albtraumsgestalten meiner Kindheit stellen müsste. Im Bruchteil einer Sekunde wird mir alles in Erinnerung gerufen. Diese tragische Nacht vor fast 19 Jahren, an dem meine damals noch kleine, unschuldige Seele zersprang. 

Einmal die Woche ist das so. Seit Anfang Dezember sitze ich ein bis zweimal die Woche auf einem eher unbequemen Stuhl mit einer Rückenlehne zu kurz um in eine gemütliche Sitzlage zu geraten. Ich vermute die Stuhlwahl ist beabsichtigt. Nicht aus Boshaftigkeit meiner Therapeutin, sondern um zu verhindern das der Patient in eine Dissoziation verfällt. Bisher habe ich es so gut wie immer geschafft mich nach Ende einer Sitzung wieder in der Gegenwart aufzuhalten. Nur ein paar wenige Male hatte ich das Problem zurück ins hier und jetzt zu finden. Aber ich denke, hier fehlt ein wenig die Vorgeschichte…

Wie alles begann

Ich bin nicht das erste Mal in therapeutischer Behandlung. Die meiste Zeit meines Lebens bin ich vor meinen Albtraumsgestalten aus der Kindheit davon gelaufen. Tja darin bin ich Profi und ich bin nicht stolz drauf, denn ich tue es heute immer noch. Ich suche immer nach dem nächsten Exit. Versuche zu verdrängen und auch obwohl ich weiß, dass mein Körper und meine Seele im Kindesalter missbraucht wurden, will ich es nicht wahr haben.

Eines Tages, in meinem 13 Lebensjahr, trat meine beste Freundin, meine Seelenverwandte, in mein Leben. Es war als hätten wir uns nach einer Ewigkeit endlich wiedergefunden und bis heute ist sie an meiner Seite geblieben. Auch wenn ich mich ihr zunächst nicht geöffnet habe und dies noch viele Jahre dauern sollte, hat sie mich gerettet. Ich wurde mit viel Liebe in ihrer Familie aufgenommen, wurde umarmt und habe gelernt, dass Zuneigung und Körperkontakt auch etwas schönes sein kann. Ganz langsam konnte ich das Gefühl von Taubheit ablegen und habe wieder gewagt zu fühlen. Ich merkte, dass meine kleine, zerstörte Seele zuerst ganz langsam, aber doch heilte. Trotz der neu gewonnenen Liebe hütete ich mein Geheimnis weiter. Viele Jahre. Denn das Schamgefühl war größer. Ich weiß nicht wann genau meine Kim einen Verdacht geschöpft hatte. Ich glaube, was genau mich bedrückte verstand auch sie erst Jahre später. Trotzdem wusste Sie, dass es mir immer schwerer fiel die Fassade des glücklichen Mädchens aufrecht zu erhalten. Das meine Traurigkeit mich von innen erdrückt. Mich auffrisst.

Wenn dich das Leben einholt

Vor ungefähr drei Jahren wurde ich von der Mama meiner besten Freundin zu einer kleinen Intervention eingeladen. Ich erhielt eine SMS: „Süße. Würde dich gerne demnächst mal treffen um mit dir zu reden. So von Mama zu Tochter. Irgendwann nachmittags? Kuss“.

Mit 27 Jahren wurde ich auf einmal mit Allem konfrontiert. Wie ich ja schon im letzten Beitrag geschrieben habe, war ich maximal naiv zu glauben, niemand wüsste etwas von meinem traurigen Geheimnis. Ich lebte eine perfekte Illusion. Ich habe zu diesem Gespräch nur wenige Worte beigetragen. Aber es bedurfte auch keiner Worte. Sie verstand, sie redete, ich weinte und hörte zu. Und dann unter vielen Tränen versprach ich meine Kim und die Mädels einzuweihen. Ganz ehrlich liebe Freunde da draußen – ich habe an diesem Tag die wichtigste Lektion meines Lebens erhalten.

„Es ist keine Schande um Hilfe zu bitten. Du bist dadurch nicht weniger stark oder weniger Wert als andere Menschen.“

Mit meinen Mädels habe ich den größten Back-Up den ich mir hätte wünschen können. Ich habe gelernt mich zu öffnen und auch andere wichtige Menschen in meinem Leben einzuweihen. Ich muss nicht mehr alleine stark sein. Ich kann mich fallen lassen, denn ich weiss irgendeiner oder jeder in meinem engen Freundeskreis fängt mich auf. Ich werde aber auch nicht mit Samthandschuhen angefasst, ich werde kritisiert wenn nötig und, auch wenn es nicht immer gelingt, von meinen Fluchtplänen abgebracht. Mich zu öffnen hat mich auf den richtigen Weg zur Bearbeitung meiner Albtraumsgestalten gebracht. Deshalb bin ich für den Schlüsselmoment dieser einen fernen Erinnerung unendlich dankbar. 

Mit dieser kleinen Anekdote möchte ich eine wichtige Kernbotschaft ins Netz tragen. Redet! Versteckt euch nicht. Die Schattentage sind vorbei. Ich dachte damals, ich hätte alles unter Kontrolle, würde mein Leben leben. Ich war so dumm. Aber der Kopf braucht Zeit und geht seine eigenen unergründlichen Wege. Heute bin ich unendlich dankbar für die Zusammenkunft in dem kleinen Garten in Schleswig, initiiert von meiner besten Freundin. Ich selbst hätte diesen Schritt niemals gewagt.

Ich bin ich. Ich bin nicht die Diagnose auf meinem Krankenblatt.

Damals habe ich versucht zu vergessen, die Dämonen zu unterdrücken, heute sind es die kleinen Dinge, die mir im Alltag einen emotionalen Seitenhieb verpassen. Etwa wenn der Allgemeinmediziner bei der Untersuchung unter Erkrankungen chronische Depressionen aufschreibt. Die Erkenntnis kategorisch als depressiv eingestuft zu werden, macht mich ganz ehrlich depressiv. Ich bin ich. Ich bin nicht die Diagnose auf meinem Krankenblatt. Ich glaube, dass ist ein ganz wichtiger Faktor, sich von alldem innerlich nicht auffressen zu lassen. Meine Testergebnisse grenzen an Borderline. Bullshit. Nicht all meine Charakterzüge und nicht all meine Traurigkeit finden ihren Ursprung in den Albtraumsgestalten meiner Kindheit. Bei all den Diagnosen in den letzten Jahren, den wiederholten Fragen zu Suizidgedanken, etc., darfst du dich selbst nicht vergessen. Du weißt wer du bist, auch mit einer Diagnose. Lass sie nicht dein Leben bestimmen. Der Weg ist steinig und hart und die letzten drei Jahre waren nicht einfach. Es wird erst schlimmer, bevor du richtig aufatmen kannst, aber jeder bisherige Schritt hat sich gelohnt. Ich bin noch lange nicht da wo ich hin möchte, stecke noch mitten in der Traumatherapie, aber ich weiß, es war absolut die richtige Entscheidung diese Phase meines Lebens nicht alleine zu bewältigen.

Meine Maske. Mein treuer Begleiter.

Ein Freund meinte letztens zu mir ich sei die glücklichste Depressive die er kennt. Wir sehen uns nicht sehr oft, denn er wohnt in England. Er sieht lediglich meine Insta Stories. Ich lache, ich bin glücklich. Mir gehts gut. Ich will absolut nicht depressiv sein. Wer will das schon. Auf dem CV sticht dies auch nicht gerade als Kernkompetenz heraus. Ich bin jung, physisch gesund, habe einen tollen Job und wundervolle Freunde. Ich bin glücklich. Irgendwie zumindest. Meistens. Nur nicht an den dunklen Tagen, in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann, wenn die Gedanken kreisen, die Erinnerungen einfach zu real werden. Dann bin ich depressiv. Diese Phasen in meinem Leben sind sehr kurzweilig, können sich aber auch über Tage und Wochen hinweg ziehen. Auf Instagram zeige ich diese Phasen natürlich nicht. So möchte mich ganz ehrlich niemand sehen. Teilweise sind die Tränen so dick, dass ich nichts sehen kann, meine Augen sind errötet, mein Gesicht ständig aufgequollen. Ich liege im Bett. Ich bin antriebslos. Das ist die Wahrheit. Die Wahrheit ist aber auch, dass ich mich selbst so nicht sehen will. Dann wäre alles realer. In meinem Kopf zumindest. Ich bin Überlebenskünstlerin und Meisterin in Verdrängung. Ist ja ganz offensichtlich bei dem was ich die Zeilen zuvor geschrieben habe. Aber und das ist der wichtige Part, ich bin eine Kämpferin. Ich liebe das Leben und eines ist mir durch meine Reise bewusst geworden. Ich möchte sein. Vor allem aber möchte ich glücklich sein. Und genau deshalb arbeite ich an mir. Gehe zu jeder Therapiesitzung und versuche meine kleine, zersprungene Seele zu heilen und zu lernen, dass meine Vergangenheit nicht meine Gegenwart oder Zukunft bestimmt.

Love,
Cate

27 thoughts on “Wie die Reise begann – Eine ferne Erinnerung meiner Vergangenheit

  1. Du bist so mutig und was du teilst ist so wichtig, für alle die, die sich alleine fühlen, voller Scham und belastender Gedanken, alleine versuchen irgendwie nicht unterzugehen unter den Traumata, die sie erlebt haben, sondern ihr Leben zu leben. Dass sie lesen dürfen, dass reden und teilen hilft, wieder freier zu werden. Und dass es einen Unterschied gibt zwischen Identität und Diagnose! Und dass es auch viele schöne Momente geben darf.
    Danke!
    Alles Gute für dich und deine Lieben.

    1. Liebe Barbara, danke für deine lieben Worte. Es fällt mir nicht leicht darüber zu schreiben, aber ich glaube es ist ein wichtiges Thema, dass in unserer Gesellschaft sensibilisiert werden muss, damit sich die Menschen eben nicht allein gelassen fühlen. Dankeschön und auch alles Liebe und Gute für dich! <3

  2. Ich bin wahnsinnig beeindruckt von deiner Stärke. Ich leide selbst an Depressionen und kann mich wahnsinnig gut mit dem was du schreibst identifizieren. Es ist ein unglaublich stärkendes Gefühl zu wissen, dass man nicht allein ist und das andere Menschen, auch wenn es vielleicht andere Ursachen hat, ähnliche Emotionen empfinden, ähnliche Gedanken haben und auch ähnlich wahrgenommen werden. Ganz ganz viel Liebe dir und danke für diesen so offenen, nachvollziehbaren und ehrlichen Beitrag.

    1. Liebe Paula, danke für deine Worte. Allein zu wissen, dass wir nicht alleine sind, ist unglaublich wohltuend. Wir sind stark und wir schaffen das. Ich schicke dir auch ganz viel Energie und Kraft und dass deine Dämonen dich in Frieden lassen! <3 Fühl dich gedrückt!

  3. Hallo Cate 🙂 ich kenne dich nicht und bin nur von Kims Profil auf diesen Beitrag gekommen. Du hast meinen vollsten Respekt. Du schreibst so schön und bist unglaublich stark. Ich hab keinerlei Zweifel, dass du es schaffst, das Dunkle in dir zu besiegen und in ein paar Monaten? Jahren? darüber reden kannst und gleichzeitig sagen kannst, dass es vorbei ist. Ich wünsche es dir von Herzen! Ganz viele glückliche Tage, schöne Begegnungen und viel Lachen wünsche ich dir auch, alles Gute. Viele liebe Grüße, Lena

    1. Liebe Lena, Danke für deine lieben Worte. Ich bin mir auch sicher, mit der Zeit wird die PTBS weniger und ich kann meine Albtraumsgestalten besiegen 🙂 Danke für deinen Mut! Ich wünsche dir auch alles Liebe und Gute. <3

  4. Die Dämonen unserer Vergangenheit sollten nicht unsere Zukunft bestimmen.
    Es ist nie ein Zeichen von Schwäche um Hilfe zu bitten,sondern ein Zeichen von Stärke. Ich arbeite mit Kindern, deren Kinderseelen schon zu früh beschädigt wurden. Arbeite mit Menschen, die Tag ein Tag aus erneut an ihre Grenzen stoßen. Selber vieles erlebt und in den letzten Jahren eins gelernt: nicht andere bestimmen über mich, sondern ich selbst. Ich selbst entscheide ob ich morgens aufstehe oder abends schlagen gehe. Die Dämonen sind manchmal noch da- den einen Tag gewinnen Sie, dafür Siege ich die nächsten fünf. Alles Liebe! Das ist sehr sehr stark & das stärkt dich für die nächsten Jahre 🙂
    Weiter so!

    1. Das hast du sehr schön formuliert… den einen Tag gewinnen Sie, dafür siege ich die nächsten fünf! So sehe ich es auch! Wir bestimmen unsere Dämonen, nicht sie über uns.
      Viele liebe Grüsse und alles Gute an dich liebe Sarih!

  5. Hallo Cate!
    Ich hab den größten Respekt davor, dass du so offen über deine Probleme und Gedanken sprichst. Das lässt darauf hoffen, dass du die Ziellinie im Kampf gegen die Depressionen fast schon sehen kannst! Mach weiter so, deine Gedanken sind die richtigen und deine Kraft eine Riesen Inspiration für alle deine Leser, denen du so viel Mut schenkst!
    Toll geschrieben und perfekte Wortwahl!

    Liebe Grüße, Laura ❤️

    1. Liebe Laura, die Ziellinie ist in Sicht. So fühlt es sich jedenfalls momentan an! Danke für deine lieben Worte. Ich bin wirklich sehr berührt von all dem Zuspruch den ich hier und auf Instagram von euch bekommen habe. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast mir zu schreiben. Alles Liebe für dich <3 Viele liebe Grüsse, Cate

  6. Seit 5 Minuten überlege ich was ich sagen soll, denn ich hab so viel zu sagen und doch kommt es nicht aus mir raus. Ich verneige mich vor dir! Danke für deine Worte. Danke für die Stärke, das beinahe nicht auszusprechende auszusprechen.
    Du inspirierst, du berührst und du bewegst! Und du bist unfassbar mutig!
    Ich wünsche dir nur das Beste 🙂

  7. Liebe Cate,
    ich bin über Kims Profil auf diesen Beitrag gestoßen und bin sprachlos! Man liest deine willensstärke die Erlebnisse zu besiegen aus jeder Zeile und du bist dabei so ehrlich und trotzdem nicht zu intim. Es sollte viel mehr solcher Menschen geben,die wie du, den Mut haben ein „Tabuthema “ über traumatische Erlebnisse usw zu sprechen und sich anzuvertrauen. Denn das ist die Realität! Die Welt ist nicht nur Beauty,Glamour,Reisen, Events, Festivals , sondern das Leben bringt auch schwere Zeiten mit sich und da sollte man auch drüber sprechen und das Internet als Community zum Austausch nutzen.

    Ich wünsche dir weiterhin alles, alles Gute und viel Mut und Kraft und bin sicher, du wirst die Schattennächte meistern und als Siegerin aus deinem Kampf hervorgehen.❤

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