Ohne Dich.

Wie das Leben weitergeht, wenn die Erde unerwartet zum Stillstand kommt, schreibe ich in den nächsten Zeilen. Meine beste Freundin ist vor knapp 1.5 Jahren an Brustkrebs gestorben. Dieser Beitrag ist für gebrochene Herzen, auf der Suche nach einem Lichtblick.

Es ist der erste Januar 2018. Mein Atem ist schwer, langsam, denn ich nehme jeden Atemzug mit dir. Am Ende ist es dein Atem, der für immer verstummt. Das Chaos in meinem Kopf lässt sich nicht sortieren. Da bist nur du und die Sehnsucht nach mehr. Ich sehne mich nach Zeit. Für dich. Für uns. Zeit die wir nicht haben. Uns bleibt ein Boden der bricht. Kein zurück. Nur ein Leben ohne dich.

Eine einzige Frage bleibt: Warum?

Wenn jemand den du liebst stirbt, dann verlierst du in diesem Moment nicht nur die Vergangenheit oder Gegenwart, sondern auch die Zukunft, die ihr euch während all der gemeinsamen Stunden ausgemalt habt. Wir hatten Träume. Große und Kleine. Wir wollten noch viele Abenteuer erleben. Wir gegen den Rest der Welt. Unser Credo. Und nichts konnte unsere Freundschaft erschüttern. Nichts. Wir haben unsere Liebe zueinander gefeiert. Erst zu zweit. Nach einigen Jahren vor allem aber zu viert. Denn das sind wir. Vier Freundinnen fürs Leben. Ewig uns. Wir waren uns so sicher.

Kimis 30er Geburtstag.

Über die ver****te Diagnose , excuse my french, habe ich hier bereits berichtet.

Das Jahr 2018 war, bis auf die Hochzeit unserer besten Freundin Anni und Babywunder in der Familie sowie bei Freunden, eine Vollkatastrophe. Trauerbewältigung. Der klägliche Versuch von Akzeptanz. Anhaltende Trauerstörung. Kein vor und kein zurück. Ich trat auf der Stelle. Die ersten Monate zog ich mich stark zurück. Mein Schatten wurde zu meinem ich.

Der Sommer wurde mit den ersten Sonnenstrahlen etwas leichter. Ich fühlte mich nicht mehr wie eine Fremde in meinem Körper, nicht mehr gänzlich fehl am Platz. Leichte Momente zogen sich langsam wieder durch meinen Alltag, doch der Wind in meinen Segeln blieb aus.

Mein innerer Kompass war komplett verwirrt.

Oktober. Deinen Geburtstag habe ich nie verpasst. Ich wusste wie wichtig dir dieser Tag ist. Egal wo ich mich in der Welt herumtrieb, an diesem Tag kam ich immer nachhause zu dir. 2018 war ich orientierungslos. Ständig. Mein innerer Kompass komplett verwirrt. Ohne dich in meinem Leben fehlte mir die Richtung. Und so kam der Moment und ich fiel. Ich konnte die Sehnsucht nach dir nicht aushalten. So verbunden wie wir waren, so verloren fühlte ich mich jetzt.

Mit der Angst in eine Depression zu fallen suchte ich das Gespräch zu meiner Therapeutin. Denn obwohl ich wusste, dass Trauer per se kein pathologischer Zustand ist, kann diese sehr wohl Auslöser für eine depressive Episode sein.

… der Schmerz hört nicht auf, solange die Liebe da ist.

Kleine (aber wichtige!) Randnotiz: Der Trauerprozess ist individuell. Subjektiv. Es gibt kein richtig und auch kein falsch. Dieser Beitrag ist keine Anleitung für eine (gesunde) Trauerbewältigung, lediglich eine Repräsentation, wie ich sie durchlebt habe oder durchlebe. Jeder Mensch erlebt die Phasen des Trauerns auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Solch ein Schicksalsschlag ist für alle Beteiligten grausam. Eine akute Trauer ist zudem eine natürliche Reaktion auf den Verlust einer wichtigen Person. Im Normallfall ist es wohl so, dass eine Trauer nach etwa sechs Monaten nachlässt. Ich, hingegen, habe gelernt, dass Trauer pauschal nicht an einen bestimmten Zeitraum geheftet werden kann. Trauer endet nicht nach dem obligatorischen Trauerjahr. Ich glaube, der Schmerz hört nicht auf, solange die Liebe da ist. Trauerphasen kehren immer wieder ein, irgendwann, das hoffe ich zumindest, lernt das Herz damit umzugehen.

Anhaltende Trauerstörung

Spulen wir die Kassette aber nochmal kurz zurück. War meine Trauer pathologisch? Obwohl wir erst im November angekommen waren, war das sogenannte Trauerjahr noch nicht ganz verstrichen. Mit gezielten Fragen eruierte meine Therapeutin mein Wohlbefinden. Und da waren sie. Die Anzeichen einer anhaltenden Trauerstörung.

Die Intensität meiner Trauer beeinträchtige meinen Alltag maximal. Ich fühlte mich mit allem überfordert und zog mich komplett aus meinem sozialen Umfeld zurück. Ich war gefangen in meiner emotionalen Ohnmacht ohne Exit und ohne Chance selbst aus dieser schweren emotionalen Situation zu entkommen. Ich vermied Erinnerungen und dennoch kreisten all meine Gedanken nur um Kimi. Ihren Geruch, ihr Lachen, ihre Angewohnheiten. Ich vermochte Ihren viel zu frühen Tod nicht zu akzeptieren. Ich fühlte mich in dieser Welt so ganz ohne meine Seelenschwester allein, ohne Ausblick in die Zukunft. Ich war mir meiner eigenen Identität nicht mehr sicher. Konnte mich in den eingenommenen Rollen in meinem Leben und in meinen Interessen nicht mehr wiederfinden.

Du & ich.

Zunächst half mir meine Therapeutin mich psychisch zu stabilisieren. Danach erfolgte in Form einer Exposition eine intensive Auseinandersetzung mit dem Todesfall, insbesondere mit der Nacht in der Kimi gehen musste. Ich würde wahnsinnig gerne mehr dazu schreiben, aber mein Herz ist zu schwer. In späteren Sitzungen haben wir anhand einer kognitiven Umstrukturierung versucht dysfunktionale Trauergedanken, Emotionen und Wahrnehmungen zu erörtern und anschließend neue Ziele für mein Leben eruiert.

Zunächst waren es nur kleine Ziele. Ich versuchte mich langsam wieder in mein soziales Umfeld zu integrieren. Habe Aktivitäten geplant, die mir Freude bereiteten, mir schöne Dinge wie Blumen gekauft. Es war ein schleppender Prozess. Meine Beziehung und Freundschaften habe ich weiter schleifen lassen. Ich konnte das was ich liebte und so sehr in meinem Leben brauchte nicht pflegen. Und so hatte mein selbstzerstörerisches Handeln, wenn auch oft unterbewusst, natürlich seine Konsequenzen. Die Notbremse für meine akute, anhaltende Trauer zog ich erst dann, als es schon fast zu spät war.

Heute, über 500 Tage ohne meine beste Freundin, ist der Seelenschmerz noch immer da. In Phasen ziehen Nächte an mir vorbei in denen ich, von der Dunkelheit eingenommen, gedankenversunken und ungläubig an die Decke starre. Jene Frage aus der Silvesternacht schwirrt unerbittlich durch meinen Kopf. Eine andere, schönere Realität, als jene die meinen Alltag dominiert, verfolgt mich bis in meine Traumwelt. Und irgendwie ist die Hoffnung oder vielmehr der Wunsch noch immer da, dass du physisch bei uns bist.

Die intensiven und schweren Phasen brodeln immer wieder auf, doch auch mit einem traurigen Herzen überwiegen die schönen Momente. Wo ich zu Beginn noch Angst hatte neue Erinnerungen zu sammeln, habe ich gelernt wieder mit Freude in die Zukunft zu blicken, denn das Leben wartet und wir haben ein Versprechen einzuhalten. Diese Freundschaft ist unser ewig. Eine Liebe fürs Leben, wie du es so treffend gesagt hast. Ich bin unendlich dankbar für dich, unsere Freundschaft und über 22 Jahre du und ich.

Holi Festival, Flensburg.

Hör auf dein Herz.

Liebe*r Leser*in, es ist ok, traurig zu sein. Es ist ok, wenn das Herz so schwer ist, dass dein Atem verstummt. Es ist auch ok, wenn deine Trauer nach 6 Monaten noch nicht überwunden ist. Die Trauer gehört nur dir allein und es kann auch sein, dass sie für andere nicht immer nachvollziehbar ist. Das ist auch ok. Deine Trauer muss gefühlt werden und der Schmerz hat seine Berechtigung. Aber vergiss nicht, auf dein Herz zu hören. Es ist ok loszulassen und dein Herz weiss genau, wann dieser Zeitpunkt gekommen ist.

Love,

Cate

Kimspiriert. Unsere Löwin.

17 thoughts on “Ohne Dich.

  1. Liebe Cate, dein Beitrag ist sehr schön! Man spürt die tiefe Freundschaft und Liebe, die euch verbunden hat und immer noch verbindet.

    Ich verlor vor 2,5 Jahren meine Mutter. Plötzlich von einen auf den anderen Tag. Es war und ist ein Albtraum. Ich hatte mit 31 keine Mutter mehr, fühlte mich entwurzelt, allein gelassen, war gefangen in meinem Schmerz. Ich empfinde Trauer wie das Meer. Es gibt Stürme, da kommt eine riesengroße Welle und man wird herumgeschleudert, man geht kurz unter. Aber nach dem Sturm wird es ruhiger, man kommt zum Atmen, lässt sich ein wenig treiben. Kann vielleicht ein paar Kräfte sammeln, denn der nächste Sturm kommt sicher. Aber es ist gut, dass die Trauer in Wellen kommt. Es gibt auch wieder Lichtblicke, irgendwann sind sie da oder man ist bereit, sie wieder wahrzunehmen.

    Ich wünsche dir alles Gute und weiterhin viel Kraft! ❤️

  2. Ich bin Kim gefolgt und Dinge auch ihren Liebsten. Es tut mir unendlich leid um die Träume, um die ihr alle betrogen wurdet. Ich hoffe von Herzen, dass ihr die Schatten der Trauer hinter euch lassen könnt und der Sonne wieder Platz im Herzen einräumen könnt. Kim wird sicher bei jedem Schritt dahin bei euch sein !
    Dein Eintrag war so ehrlich und sicher alles andere als leicht zu verfassen, aber du sollst wissen, dass du mich damit sehr berührt hast ! Ich wünsche dem Kleeblatt und Kims anderen liebsten eine Zukunft mit mehr Freude, als das die Trauer die vergraulen könnte, ihr habt es verdient

    Liebste Grüße

  3. Im ersten Satz, fließen mir schon die Tränen. Schöner,gefühlvoller hätte man es nicht schreiben können. Bald kommt die Zeit da wird dein Herz etwas leichter sein. 💞

  4. Wow.. mir fehlen die Worte. Deine Worte sind so schön & so treffend gewählt. Es ist ein schweres und so sensibles Thema. Vielen Dank dafür. Es gibt, wie du selbst schon sagtest, kein richtig und kein falsch ❤️

  5. Du Liebe, so viel Wahres in Deinen Worten😪 Ja, Trauer und Traurigkeit lassen sich zeitlich nicht eingrenzen. Und geliebte Menschen die gehen, hinterlassen eine nie mehr zu füllende Lücke…..und das ist schwer zu bewältigen. Ich sage immer Trauer ist wie Meereswellen, im Laufe der Zeit werden sie kleiner und die See ruhiger, aber das Meer wird nie mehr spiegelglatt …. und manchmal – plötzlich und unerwartet – türmt sich doch wieder eine Riesenwelle auf und reißt einen mit sich……. das ist Trauer und Verlust. Leider gibt es heute kaum noch Raum für diese Trauer, sie paßt oft nicht zum Zeitgeist. Aber sie gehört zum Leben dazu und es ist gut, dass Du Dir Hilfe gesucht hast. Jemanden, der Dich unterstützt und Deine Trauer akzeptiert, hilft, Wege zu finden….Kim kommt nicht wieder – wie so viele andere auch nicht😢, aber sie sind bei uns-immer; denn Liebe, Freundschaft und Erinnerungen sterben nicht – die sind in unseren Herzen und werden dort bewahrt und gehütet ……. für immer😍
    😘

  6. Wundervolle Worte ❤. Ich habe vor 5 Jahren meine Schwester und beste Freundin verloren und auch eine Therapie zur Trauerbewältigung gemacht…und dabei gelernt, dass diese Trauer aus der unendlichen Liebe entsteht und gut ist und mein Leben lang immer wieder mal da ist…doch es gibt auch wieder viele schöne Momente und diese erlebe ich mit meiner Schwester im Herzen; für uns beide…bis wir jns wiedersehen. Danke nochmal für das Teilen deiner Gedanken und Gefühle..fühl dich gedrückt.

  7. Das geht so ans Herz und ich muss weinen.
    Ich kann jeden Satz von dir so nachvollziehen. Ich habe vor einem halben Jahr von heute auf morgen meine Mama verloren.
    Ich konnte mich nicht auf ihren Tod vorbereiten.
    Ich habe nicht nur sie und ihre Liebe verloren, mein Fundament ist weg.
    Momentan denke ich immer noch, meine Trauer wird nicht vergehen. Aber auch ich habe ein Versprechen gegeben.
    Ich danke dir für deine Worte!

  8. Toller Text , wirklich krass … ich kenne sie nur durch insta, denke fast jeden Tag an sie , vermisse sie – ich kann mir überhaupt nicht vorstellen wie das für dich und euch sein muss 😔 ich wünsche dir alles liebe ❤️

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