Die Stille in meinem Kopf.

And suddenly the day gets you down
But this is not the end, no this is fine
Still winds down the stream
Still we’re in the light of day
With our ghosts within

– Tallest Man on Earth

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Ein Unglück kündigt sich nicht an. Es schleicht sich an und auf einmal ist es da. Krebs ist da keine Ausnahme. Du empfindest Schmerz, denkst dir nicht böses und auf einmal lautet die Diagnose Krebs, aber es ist nicht meine, es ist die meiner besten Freundin.

Sonntag 22. Januar

Meine beste Freundin ist in New York. Mit viel Euphorie wurden die Tage mit Ausflügen gefüllt. Die Liste war endlos. Shoppen, Entspannen, vom Top of the Rocks das Stadtbild genießen, über die Brooklyn Bridge schlendern, im Central Park spazieren gehen, Essen und vieles mehr. Nur wenig konnte von der Liste gestrichen werden. Ihre lang ersehnte Reise endete abrupt und unter großen Schmerzen im NY Presbyterien Hospital fünf Tage vor ihrer Abreise.

Zürich. Es ist 05:35. Mein Telefon klingelt. Um meinen Partner nicht zu wecken verlasse ich das Schlafzimmer und tapse im Dunkeln hinüber zum Wohnzimmer. Ich sitze auf dem Sofa, das Telefon in der Hand, meine beste Freundin am anderen Ende der Leitung. Am frühen Sonntagmorgen erreicht mich die unschöne Botschaft mit dem ersten Verdacht. Ich bin fassungslos. So viele Gedanken schwirren in meinem Kopf, so viel Traurigkeit und Wut. Gedankenkreise schließen sich nicht. Fragen bleiben unbeantwortet. Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Warum Sie? Warum jetzt? Warum überhaupt? Und dann ist da der Funken Hoffnung, der nicht verglüht, sondern stärker wird. Denn es ist ja nur ein Verdacht.

Freitag 27. Januar

Meine beste Freundin wird heute mit einem Krankentransport von New York nach Hamburg geflogen und ich sitze im Zug. Uns trennen seit ein paar Jahren täglich 900 km. Ich spüre nur noch einen Impuls seit der verhängnisvollen Nachricht: ich möchte bei ihr sein.

An deiner Seite.

Es sind irrelevante und belanglose Dinge, die mich während des Besuchs bei meiner besten Freundin beschäftigten. Am häufigsten fragte ich mich jedoch, warum es in den Wartezimmern im Marinekrankenhaus keine Uhren gibt. War es Absicht damit die Wartenden nicht die Sekunden und Minuten oder gar Stunden zählten bis sie eine Diagnose erhielten? Ich fragte mich ständig wie viel Zeit schon verstrichen war wenn ich wartete. Und ich wartete jeden Tag. Mal alleine. Mal mit der Mama meiner besten Freundin und mal mit ihrem Freund. Ich wartete darauf, dass sie von den schmerzhaften Untersuchungen zurück kam und wir warteten gemeinsam auf die Diagnose. Ich fühlte mich hilflos. Meine Gedanken schweiften immer öfters zu der nichtvorhandenen Uhr. Tik Tok. Tik Tok. In der Stille malte ich mir das all zu bekannte Ticken der Uhr aus. Und mit jedem Geräusch verging eine Sekunde des Wartens. Die Wahrheit ist jedoch, in exakt diesen Momenten habe ich jegliches Gespür für Zeit verloren. Die Woche während ich neben dem Bett meiner besten Freundin im Krankenhaus saß zog unbemerkt an mir vorbei. Wir lebten in einer Endlosschleife, denn jeden Tag hieß es aufs Neue: „Wir können leider noch keine genaue Diagnose stellen. Wir müssen noch weitere Tests durchführen.“

Die Momente des Wartens waren mit traurigen, schönen aber auch lustigen Momenten gefüllt. Es wurde viel geweint. Ängste wurden ausgesprochen. Es wurde viel gelacht. Späße wurden gemacht. Einen Abend haben wir Kim ein Pupskissen unter die Bettdecke gelegt, welches leider nicht unbemerkt blieb bevor Sie sich hinsetzte. Ein absurder Gedanke im Nachhinein. Um ihn zu testen wurde er erneut aufgeblasen und Kim setzte sich. Plumpste auf das Kissen. Ein dumpfer und lauter Knall hallte durchs Zimmer. Es platze. Ein mittelgroßes Loch zierte das kleine Pupskissen. Und wir lachten. Laut bis die Tränen kamen. So lange bis sich der Raum wieder in Stille hüllte.

Irgendwann am Donnerstag erhielten wir endlich die Diagnose. Das lange Warten hatte ein Ende. Ein Verdacht wurde Realität und auf einmal ist alles anders. Kim ist nicht mehr gesund. Sie hat sehr aggressiven und schnellwachsenden Brustkrebs. Nichts ist wie es war.

Freitag 03. Februar

Um 14:30 fährt mein Zug zurück nach Zürich. Ich bin nicht bereit Kims Seite zu verlassen. Noch nie war ein Abschied so schwer und glaubt mir, ich habe schon viele Abschiede hinter mir, das bringt das Leben im Ausland mit sich. Traurige Abschiede waren es immer. Keiner war so schwer wie dieser. Ich wollte bei ihr sein, den ganzen Weg. kim6Ich fühle mich ohnmächtig und das seit dem ersten Telefonat vor fast zwei Wochen. Ich muss stark sein. Für sie. Für mich. Ich darf nicht weinen. Ich weine nicht. Ich kann meine beste Freundin nicht fest in den Arm nehmen, weil sie starke Schmerzen hat. Der Abschied ist kurz und dann bin ich weg.

18 Jahre ist dieses Mädchen nun meine beste Freundin. Sie ist meine Seelenverwandte. Was sie spürt, spüre ich. Was ich spüre, spürt sie. Wenn ich könnte, würde ich all ihre Schmerzen tragen. Es bricht mir das Herz, dass ich ihr diesen Weg nicht ersparen kann, dass keine Ratschläge der Welt helfen. Sie ist eine junge mutige Frau, mit einer klaren Kampfansage. Der Krebs hat keine Chance. Sie wird ihn besiegen.

Heute.

Dies ist schon der dritte Anlauf meine Gedanken in Worte zu fassen. Ich bin erleichtert, dass ich zumindest ein paar zusammenhängende Sätze aufschreiben kann. Meine Gedanken sind leer. In meinem Kopf herrscht Stille. Meine eigenen Probleme reduziert auf ein Minimum. Sie wirken belanglos und irrelevant. Ein willkommener Nebeneffekt. Das Leben geht oft unergründliche Wege. Mit diesem Weg für meine beste Freundin hat keiner gerechnet. Eine kleine Unsicherheit in der Brust entpuppte sich als Brustkrebs. Immer deutlicher wird, dass, wie so eigentlich alles im Leben, der Krebs ungewiss ist. Es gibt keine Garantien, keine Sicherheit. Die Diagnose ist traurig und herzzerreißend, sie hat uns erschüttert. Aber es ist NICHT das Ende. Ich halte mich daran fest, dass die Medizin und die Ärzte ihr Möglichstes tun und ich halte mich fest am Lebenswille und dem Kampfgeist meiner besten Freundin. Sie ist stark und tapfer und gemeinsam schaffen wir das.

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3 thoughts on “Die Stille in meinem Kopf.

  1. Oh Cate das war ein sehr berührender Blog Post. Mit kamen die Tränen. Du hast es sehr schön geschrieben. Sie schafft den Kampf! Sie wird die Zeche besiegen und mit dir an ihrer Seite ist sie noch stärker. Ich wünsche alles gute und viel Kraft! Liebe Grüße Anna

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